Zeitzeugenprojekt

70 Jahre Frieden und Freiheit in Aachen – Lebendige Erinnerung von Zeitzeugen.

von Martin Borgmann

Wie war das damals, vor nunmehr 70 Jahren als der Krieg in Aachen als der ersten deutschen Großstadt endete? Wie kann man sich als Nachkriegsgeborener das Unvorstellbare vorstellen? Wie war es in der Zeit der Belagerung durch die amerikanischen Soldaten nach der durch Hitler befohlenen Zwangsräumung der Stadt? Als Kind, als Jugendlicher, als junger Erwachsener oder etwa als werdende Mutter?

Es stimmt, die Zeit wird knapp, um sie noch persönlich zu treffen, die Zeitzeugen, die das alles erlebt und erlitten haben und davon aus erster Hand berichten können – und auch wollen. So galt es, keine Zeit zu verlieren und wir begannen mit der Suche und hatten Glück. Denn die ersten intensiven Gespräche führten im Schneeballverfahren wiederum zu neuen Kontakten und nach einem Bericht in der Lokalpresse über unsere Erinnerungsarbeit meldeten sich weitere Zeitzeugen. Überrascht über die gute Resonanz, konzentrierten wir unsere Interviews dann auf die dramatischen Ereignisse in der Zeit der Belagerung der Stadt und deren Zwangsräumung ab Mitte September bis zur militärischen Kapitulation am 21.10.1944. Rund 5000 Aachener hatten sich aus den verschiedensten Gründen dem ausdrücklichen Befehl des Führers widersetzt und waren in der verwaisten und umkämpften Stadt geblieben.

In intensiven, oftmals mehrstündigen Interviews, berichteten uns Menschen über ihre damalige reale Alltagswirklichkeit, die vollständig aus den Fugen geraten war und in der es irgendwann nur noch um das nackte Überleben ging. Die sehr persönlichen Gespräche haben beim Interviewer tiefen Eindruck hinterlassen. Zum einen wegen der dramatischen Ereignisse aber noch mehr wegen der Haltung unserer Gesprächspartner: Keine Bitterkeit, keine Anklage über diese Zeit. Wohl aber ganz viel Offenheit über das Erlebte und Erlittene nach den langen Jahren zu sprechen. Und ebenso eine tiefe, unverklärte Dankbarkeit den Befreiern gegenüber. Und stets war der Wunsch zu spüren, diese schlimmen und schlimmsten Erlebnisse mitzuteilen, weiter zu geben als eine Art Nachlass an die kommende Generation, verbunden mit der Hoffnung, dass sie sich nicht wiederholen mögen.

Unser aufrichtiger Dank gilt allen Gesprächspartnern.

ZeitZeugenZ

Zeitzeuge Jahrgang Die Erinnerung…
Kunigunde Holtz 1915 „Ja, ich war hochschwanger, als es so schlimm wurde. Mein Mann war eingezogen, aber noch nicht als Soldat. Er war wohl zu schwach und musste in eine Art Erholungslager, und ich war mit allem al-lein. Das Kind kam im Dezember 1944 zur Welt und in dieser Zeit als wir auf die Amerikaner warteten, musste ich zwangsweise mehrmals die Wohnung verlassen und mir eine neue Bleibe suchen. Denn wir waren ja hier in Aachen-Steinebrück in der vordersten Schusslinie, sozusagen im Niemandsland…”
Hermann Offergeld 1926 „Ich habe das Kriegsende in Aachen erlebt und überlebt. Eigentlich müsste man sagen das Ende der Kampfhandlungen, denn der Krieg war ja noch nicht zu Ende. Das war eine turbulente Zeit und es gibt hunderte Episoden, die man erzählen könnte…”
Katharina Emonts-Holley 1927 „Mein Bruder war Soldat. Und seit Ostern 44 waren wir ausgebombt. Die Mutter war eine resolute Frau mit einer eigener Meinung, die sich durchsetzen konnte. Dies zeigte sie oft. Ich erinnere mich genau. Aber vor allem eine Situation ist mir fest haften geblieben: Aachen, kurz vor der Einnahme durch die Amerikaner, sollte im September 1944 evakuiert werden. Die Mutter wollte nicht: ‚Wir bleiben!’…”
Maria Peltz 1927 „Es ist soviel passiert in dieser Zeit, man kann gar nicht alles erzählen. Ich weiß gar nicht wie man es wiedergeben kann, dass man es über-haupt glaubt? Wir sollten am 13.09.1944 evakuiert werden und waren mit Pferd und Wagen und allem Hab und Gut schon ein ganzes Stück unterwegs, als es plötzlich hieß: ‚Achtung, Achtung, eine Durchsage: Die Evakuierung ist beendet…”
Marianne Schmetz 1927 „Mein Vater sagte mir: Schreib alles auf, Du kannst das gut – und heute bin ich froh über dieses Tagebuch aus der Zeit der Belagerung. Wir, meine Eltern, drei Geschwister und die Familie des Onkels mit fünf Kindern, und insgesamt drei Großeltern wohnten im elterlichen Haus auf dem Fabrikgelände, etwas abseits vom Wohngebiet in Aachen-Forst, heu-te Philipsstraße – mitten im Kampfgebiet. …”
Martin Ratajczak 1927 „Ich war 17, hatte einen Stellungsbefehl von der Wehrmacht bekommen, bin aber nicht hin… Wir wollten unbedingt hier bleiben… Wenn die mich erwischt hätten, die hätten mich an die Wand gestellt… Aber der Reihe nach…”
Dr. Heinz-Joseph Oellers 1928 „Die Violine hat mir das Leben gerettet. Wir waren Luftwaffenhelfer, trugen eine Uniform, einen Stahlhelm und waren also eigentlich Soldaten, aber dann auch wieder nicht. Denn man war ja auch noch ein halbes Kind. Das war 1944, die Stadt hatte schon stark gelitten unter schweren Bombenangriffen der anglo-amerikanischen Luftwaffe, vor allem bei den Großangriffen am 14. Juli 1943 und noch verheerender am Osterdienstag, 11. April 1944. In dieser Zeit wurden wir…
Hanne Lore Bethge 1929 „Wir waren Ende 44 ja eigentlich schon Waisen, mein kleiner Bruder und ich. Meine Mutter war 1943 nach längerer Krankheit gestorben und mein Vater musste dann zum Schluss doch noch zum Volkssturm. Wir wohnten im Aachener Süden und waren einer Fremden überlassen, Frau Backhaus. Das vergesse ich nie, denn sie war vorher Haushälterin von Herbert von Karajan…”
Walter Noppeney 1929 „Am schlimmsten war es in Belgien, im Lager Hombourg, eine ehemalige belgische Militärkaserne. Das brennende Aachen habe ich 1944 von Geilenkirchen aus gesehen, als ich dort für einige Tage bei Verwandten war. Noch bei der Rückkehr brannten die Häuser in der Jülicher Str., und ich hatte nur einen Gedan-ken: ‚Jetzt findest Du niemanden mehr von Deiner Familie zuhause’….”
Maria Bruders 1933 „Krieg, Angst, Entbehrungen… Eigentlich hatte ich nichts anderes kennen gelernt. Der Vater war Soldat. Wir waren ausgebombt. Unser war Haus bei einem Großangriff auf Aachen (14.07.1943) bis auf die Grundmauern nie-dergebrannt und wir hatten alles verloren. Wir, meine Mutter, die Oma, der Opa und ich konnten in dieser Nacht nur mit nassen Tüchern auf dem Kopf unser nacktes Leben retten, sonst nichts…”
Kurt Malangré 1934 „Ich war damals 10 Jahre alt und habe noch sehr wache Erinnerungen – vor allem an die schlimmen Bombennächte. Und da hatte ich mehr als einmal das Gefühl, jetzt ist es aus. Mein Vater war im Krieg, nach dem er als Wirtschaftsprüfer lange als ‚UK’ galt, kam er doch noch als Soldat an die Ostfront und so waren wir, mein Bruder (4 Jahre älter), meine Mutter und ich in der schlimmen Zeit alleine. Wir wussten lange nicht, wo unser Vater war…”
Leonhard W. Jussen 1934 „Wir sind hier geblieben als der Räumungsbefehl kam, nach reiflicher Überlegung meines Vaters und Beratung mit einigen Nachbarn. So konn-ten meine Eltern, meine ältere Schwester und ich zusammen bleiben, in der sicheren Annahme, es ist bald vorbei, und wir sind befreit. Es kam aber anders…”
Heinz Kluck 1938 „Wir (die ganze Familie, mit Ausnahme des Vaters als Bahnbeamter und der 4 Brüder als Soldaten) waren bereits evakuiert. Wenige Wochen vorher ins Münsterland. Nach den schrecklichen Bombardierungen, anfangs nur nachts, dann auch tagsüber. Wir konnten uns nur in den Bunker (Rütscher Straße) retten. Es war schrecklich – so viel Angst…”
Guido Schüller 1938 „Die Kapitulation, den 21.10.1944, habe ich im Lousberg-Bunker erlebt! Wir, d.h. meine Mutter, meine Tante, zwei Omas und mein kleinerer Bru-der waren in Aachen geblieben – trotz Führerbefehls zur Evakuierung. Mein Vater wollte das so. Er hatte uns geraten: “Bleibt. Lasst euch von den alliierten Truppen überrollen, dann passiert euch nichts. Es ist bald vorbei”. Daran hielt sich meine Mutter und darauf hoffte sie….”

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